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Vor einem Jahr veröffentlichte Marc Degens [...] endlich seinen zweiten Roman. »Hier keine Kunst« hieß er, wie ein Schelmenstück liest er sich, und das Einzige, was man beklagen kann, ist, dass die Publikation in einem Verlag erfolgte, der nicht die ganz große Aufmerksamkeit genießt. Dafür aber ist jetzt bereits ein weiteres Buch von Degens dort erschienen: »Abweichen«, eine Textsammlung über ästhetische Phänomene, in der sich Ausführungen zu Céline oder Stefan George neben Beschreibungen von Schallplatten von Mutter, Milch oder T. Raumschmiere finden, Comics und deren Zeichner gefeiert, Bücher rezensiert und Schriftsteller befragt werden - und das alles programmatisch gleichgewichtig, denn einziges Kriterium für die Anordnung der Texte ist das Alphabet. So bekommt man ein munteres Pop-Potpourri mit einzelnen auch von Kulturkonservativen als bedeutend eingeschätzten Zwischenspielen, das vor allem belegt, wie ernst man populäre Kultur nehmen kann und muss. Immer aber merkt man den Texten die Begeisterung des Autors für seinen Gegenstand an. Wen wundert's, hat doch Marc Degens auch das Konzept für eine Veranstaltungsreihe namens »Die Begeisterungs-Show« entwickelt, in der wechselnde Gäste sich über Dinge verbreiten, die sie lieben. Dies nun ist das persönliche Begeisterungs-Buch von Degens. Seine Texte erscheinen im Tagesspiegel, in der FAZ und der Jungen Welt ebenso wie in diversen Online-Magazinen. Sein Output ist enorm, seine thematische Bandbreite beeindruckend. Und, was das Wichtigste ist, es macht Spaß, seine Texte zu lesen. Nach seinem Romandebüt »Hier keine Kunst« ist nun im Erata Literaturverlag, Leipzig, ein schmales aber intensives Bändchen mit 40 meist kompakten Kritiken über Bücher, Comics und Musik erschienen, das den schönen Titel »Abweichen« trägt. Denn Marc Degens ist ein Abweichler. Das kann man zuerst einmal ganz räumlich verstehen, denn er lebt in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Was im Zeitalter des Internets kein Hinderungsgrund mehr ist, die Literaturredaktion des Online-Feuilletonmagazins »satt.org« zu betreuen.
»Abweichen« ist auch inhaltlich wie formell das Stichwort für Degens, der sich mit seinen feuilletonistischen Fundsachen meist jenseits des mainstreams bewegt.
Zwischen »anblasen« und »zeichenwelt« spannt sich sein 40 bunte Steinchen beinhaltendes Kaleidoskop des Abseitigen, in dem Namen wie Céline, Stefan George, Dietmar Dath (ein lesenswertes Interview) und Rainald Goetz aufblitzen. Im Verlauf der Steinchenlese fällt auf, daß Degens stets das jeweilige Thema in den Mittelpunkt seines Schreibens stellt. Kulturkritik als Kulturvermittlung statt Selbstdarstellung, das mag wenig zeitgemäß erscheinen, ist aber angenehm entspannend. Hier schreibt einer fachlich kompetent, unterhaltsam wie informativ und von einer aufrichtigen Begeisterung getragen, die in diesen Zeiten so selten geworden ist, ohne mit jeder gelungenen Formulierung nach einem Redaktionsschemelchen bei einem der großen Sinnstifter zu schielen. Vielleicht sind seine Texte deshalb so erfrischend. Fern jeder Nischen-Agitation präsentiert der Autor in prägnanter trockener Sprache seine Eindrücke, verknüpft diese fix mit der jüngeren Publikationsgeschichte, die jedes Objekt seiner Beobachtungen umgibt und ist sich nicht zu schade, das Wort „schön“ zu benutzen. Ganz schön angenehm. [...] Wer auch immer den Empfehlungen Degens’ folgt, trägt dazu bei, dass der Rand ins Zentrum rückt. Alle diese sehr lesenswerten und amüsanten Essays Marc Degens' fokussieren ehrgeizige Antikarrieristen, auch T.Raumschmiere sei ja »rockig, rotzig und irgendwie asozial, so wie der Schwitzkasten eines älteren, nach Zigarettenrauch und Schweiß riechenden Schulkameraden.« Dietmar Dath kommt in einem Interview zu Wort, Céline wird, bei aller Problematik, gewürdigt, denn er »dekonstruierte die Gattung, pfiff auf Narration und Linearität, verbannte jede literarische Künstlichkeit aus seinem Werk und verschnürte die knorrigen Handlungsbrocken mit seinem furienhaften, einzigartigen Stil…« Die sich aufdrängende Frage hinter dem Degenschen Opus ist: Wo und wie finden derartige Abweichler heutzutage ihren Platz? Aber nicht ohne Grund hat Degens seine journalistischen Arbeiten unter dem Titel »Abweichen« zusammengefasst, denn er treibt sich, auch wenn er für Medien schreibt, am liebsten in Randgefilden herum. Die nicht immer Randgefilde sind. Aber vom deutschen Feuilleton gern so behandelt werden, denn sie passen dummerweise nicht in den Kanon der klassischen Literaturwelt. Wohin mit den Comics, die jetzt so langsam auf eine 100-jährige Entwicklungsgeschichte zurückblicken und deren Autoren immer wieder auch den deutschen Büchermarkt aufmischen? Wohin mit den Autoren, die keine Bücher auf Bestellung schreiben, dafür Jahrhundertromane, die selbst Leser zum Wahnsinn treiben? Wohin mit der Musikszenerie abseits von Klassik, Rock und Pop? [...] Wirklich viele, die sich wie Degens mit diesen Szenerien intensiver beschäftigen, gibt es nicht im Land. |
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| Marc Degens | www.marc-degens.de | ||